Herziges und Abenteuerliches
E-BOOK
 LENA HASE
LENA HASE
„Einst   verließ   eine   Familie   aus   dem   Osten   ihre   Heimat.   Sie   hatten   nämlich   beschlossen   die   Pixi   Mountains   zu   durchqueren   um auf der anderen Seite, also im Westen ein neues Leben zu beginnen…“ „Das war jetzt aber sehr dramatisch“, kommentierte Susanne ihre Gefühle. „Lass den Kutscher doch weitererzählen, liebes Cousinchen“, sagte Monika und nickte dem Kutscher gebieterisch zu. „Ihr    müsst    wissen    das    es    sich    bei    den    Pixi    Mountains    um    ein    unbeschreiblich    großes    Gebirgsmassiv    handelt.    Seine Durchquerung    nimmt    Wochen,    wenn    nicht    gar    Monate    in    Anspruch,    und    das    auch    nur    bei    allerbester    Vorbereitung    und erstklassigster   Ausrüstung.   Jederzeit   muss   mit   den   absurdesten   Wetterumbrüchen   gerechnet   werden.   Der   klarste   Himmel   kann sich   an   diesem   verwunschenen   Ort   von   einem   Moment   auf   den   anderen   in   ein   Ereignis   aus   Gewitterwolken   verwandeln   aus denen Blitz und Donner mit Saus und Gebraus auf die Erde herniederprasseln…“ „Sehr spannend“, spottete Susanne gespielt gelangweilt. „Was kann man in so einem Fall tun?“ Fragte der Graf konzentriert. „Gewiss   nicht   viel“,   sagte   der   Kutscher,   „es   gibt   nur   ganz   wenige,   in   Legenden   besungene   Heldengestalten   die   dort   überhaupt etwas   tun   können.   Aber   zurück   zu   der   Familie   aus   dem   Osten.   Diese   Leute   nahmen   exakt   all   das   auf   sich   was   ja   schon   mal   sehr erstaunlich   ist   aber   genau   genommen   geht   es   in   dieser   Geschichte   um   ein   siebzehnjähriges   Mädchen.   Ihr   Name   war,   glaube   ich, Goldhaar.“ „Jetzt wird es wirklich spannend“, steigerte sich der Graf hinein. „Wieso Goldhaar“, bohrte Susanne nach. „Seid jetzt sofort ruhig“, fauchte Monika, „weitererzählen, Kutscher!“
„Also     hört     jetzt     zu“,     berichtete     der     Kutscher     weiter,     „einen     Siedlertrek     muss     man     sich     anders     vorstellen     als     eine Postkutschenfahrt.   Die   machen   nicht   kurz   Pause,   fahren   dann   ein   bisschen   weiter   und   machen   dann   gleich   wieder   Pause, sondern   die   fahren   ganz   weite   Strecken   auf   einmal   und   campieren   dann   oft   für   mehrere   Tage.   Die   Familie   um   die   es   hier   geht schlug   also   ihr   Lager   auf   und   die   Eltern   schickten   ihre   Tochter   Goldhaar   los   um   Feuerholz   zu   suchen.   Goldhaar   machte   sich natürlich   sogleich   auf   den   Weg   um   ihre   Mission   zu   erfüllen.   Man   könnte   jetzt   meinen   das   einem   in   der   Wildnis   das   Feuerholz nur   so   vor   die   Füße   springt   und   diese   Arbeit   schnell   erledigt   sei,   aber   ganz   so   einfach   ist   es   nicht.   Entweder   ist   das   Holz   zu   feucht oder zu groß oder man findet nur winzige, dürre Zweige und so begab sich Goldhaar immer tiefer in das menschenleere Land.“ „Kann man sich da nicht verlaufen? Was würde in so einem Fall geschehen?“ Fragte der Graf fachmännisch. „Verlaufen   kann   man   sich   in   der   Wildnis   nicht   weil   man   sich   ständig   markante   Bezugspunkte   einprägt,   aber   trotzdem,   wer   will sich schon Löcher in die Sohlen latschen“, erläuterte der Kutscher und erzählte weiter. „Das   Mädchen   lief   also   durch   ein   kleines   Kiefernwäldchen,   dann   weiter   über   eine   karg   bewachsene,   steinige   Ebene   die   in Buschwerk   überging   um   sich   schließlich   durch   dichte,   hochgewachsene   Sträucher   hindurchzukämpfen   und   das   alles   nur   für   ein kleines   Bündel   Feuerholz.   So   ging   es   an   guten   Tagen   dahin.   Und   jetzt   denkt   euch   einen   Blizzard   dazu   oder   einen   schaurigen Wolkenbruch, also ich bin heilfroh das man hier bei uns von solchen Unwettern verschont bleibt.“ „Hat es die Familie über die Pixi Mountains geschafft“, fragte Puppe neugierig. „Ja, das haben sie“, sagte der Kutscher, „sie erreichten das Land von dem sie so viel in ihrer Heimat gehört hatten.“ „Und was wurde aus Goldhaar“, fragte der Graf.
„Die Geschichte ist jetzt zu Ende“, sagte der Kutscher. „So geht das aber nicht“, protestierte Monika, „wir wollen sofort wissen was aus Goldhaar geworden ist!“ „Gut,   ich   erzähle   weiter“,   sagte   der   Kutscher,   „aber   auf   eure   Verantwortung.   Goldhaar   war   also   in   diesem   Land,   welches   so   viele Möglichkeiten   zu   bieten   hatte,   angekommen   und   sie   konnte   es   gar   nicht   erwarten   all   ihre   Träume   zu   verwirklichen.   Sie   wollte eine   Tanzschule   eröffnen   und   eine   Schneiderei   für   modische   Kleider   und   eine   Kunstgalerie.   Außerdem   hatte   sie   die   Idee   zu einem philosophischen Netzwerk wo Menschen ihre Ideen und Visionen verbreiten konnten.“ „Da wäre ich gerne dabei gewesen“, verlor sich der Graf in Begeisterung. „Leider  kam  aber  alles  anders“,  sprach  der  Kutscher  weiter,  „denn  Goldhaar  konnte  keine  einzige  ihrer  Ideen verwirklichen.“ So   hatte   sich   das   nun   aber   keiner   vorgestellt.   Alle   forderten   irgendwie   ein   Happy   End   ohne   das   direkt   zu   sagen   aber   der Kutscher sollte zunächst weiterberichten, vielleicht kam ja alles noch ins Lot… „Es   gibt   Menschen   die   haben   immer   Pech“,   erzählte   der   Kutscher,   „so   war   es   auch   bei   Goldhaar.   Statt   sich   etwas   aufbauen   zu können   wurde   sie   stattdessen   von   vielen   Schicksalsschlägen   heimgesucht   die   selbst   der   stärkste   Mensch   nicht   bewältigen   kann. Ein   gewöhnlicher   Mensch   wäre   nicht   einmal   in   der   Lage   die   mentale   Kraft   aufzubringen   um   von   solch   niederschmetternden Ereignissen   zu   berichten   ohne   selbst   dabei   seelischen   Schaden   zu   nehmen.   Statt   ihre   Träume   zu   verwirklichen   verlor   Goldhaar ihr   komplettes   Hab   und   Gut   und   besaß   am   Ende   keinen   einzigen   Groschen   mehr   um   fortan   ihr   Leben   in   bitterer   Armut   zu fristen, was natürlich alles andere als der ursprüngliche Plan gewesen war…“ „Aber dann war der ganze mühevolle Weg über die Pixi Mountains umsonst“, sagte Puppe erschüttert.
„Das   dachten   alle“,   sagte   der   Kutscher,   „aber   es   wusste   ja   auch   keiner   was   Goldhaar   damals   als   siebzehnjähriges   Mädchen   in   den Pixi Mountains wirklich erlebt hatte.“ Alle lauschten jetzt gebannt und unter Hochspannung um kein Detail der weiteren Erzählung zu verpassen. „Goldhaar   wurde   ja   damals   zum   Holzsuchen   losgeschickt   und   gelangte   dabei   in   dieses   von   Sträuchern   zugewucherte   Gebiet. Vielleicht   war   es   ja   Neugierde   oder   Jugendlicher   Übermut   aber   sie   ging   immer   weiter   in   das   dichte   Geäst   und   musste   dabei   mit einiger   Gewalt   die   Zweige   wegdrücken   um   vorwärts   zu   kommen.   Aber   irgendwann   hatte   sie   den   Wildwuchs   durchdrungen   und sie   konnte   nicht   glauben,   oder   ich   würde   fast   sagen   begreifen,   was   sie   dann   sah.   Vor   ihr   erstreckte   sich   ein   See   dessen   Wasser   so klar   schimmerte   als   würde   es   sich   seid   Anbeginn   aller   Zeiten   an   diesem   Ort   befinden.   Am   Horizont   erhoben   sich   gewaltige   Berge dessen   schneebedeckte   Gipfel   sich   mit   dem   Blau   des   Himmels   vereinten   und   von   oben   herab   sandte   die   Sonne   ihr   hellstes   Licht welches   die   Landschaft   in   ein   atemberaubendes   Farbenmeer   verwandelte.   Dann   zog   sich   Goldhaar   ganz   nackt   aus   und   schritt langsam   auf   das   flache   Kiesufer   zu.   Ihre   Füße   berührten   das   eiskalte   Nass   und   sie   spürte   wie   eine   magische   Kraft   ihren   Körper durchflutete.   Sie   gleitete   bäuchlings   ins   Wasser,   tauchte   unter   und   als   sie   wieder   an   die   Oberfläche   kam   umgab   sie   ein   Zauber aus    Farb-    und    Lichtspiel    und    im    nächsten    Augenblick,    so    als    wäre    nichts    geschehen,    war    alles    nichts    weiter    als    ein türkisfarbener   See   in   einer   lieblichen   Landschaft.   Dann   zog   sich   Goldhaar   wieder   an   und   ging   zu   ihrem   Lager   zurück   wo   sie   so tat   als   wäre   nichts   geschehen.   Aber   glaubt   mir   das   eine“,   sagte   der   Kutscher,   „gegen   nichts   im   Universum   hätte   Goldhaar eingetauscht was sie damals in den Pixi Mountains erlebt hatte.“ Es vergingen einige Sekunden besinnlichen Schweigens. „Und wo ist dieser See“, fragte Susanne und tat so als würde sie das nur beiläufig interessieren. „Das möchte ich jetzt aber auch gerne erfahren“, sagte der Graf.
„In den Pixi Mountains“, antwortete der Kutscher. „Was soll das jetzt wieder“, sagte Monika schroff, „wir brauchen eine ganz präzise Wegbeschreibung.“ „Hört   mal“,   sagte   der   Kutscher,   „ich   selbst   kenne   nur   die   Postwege.   Aber   diesbezüglich   kann   ich   euch   jede   Information   erteilen. Es gibt halt nur keinen Weg der zu diesem See führt. Tut mir wirklich leid.“ Dann stiegen der Kutscher und der Zwerg wieder auf den Wagen. Sie hatten viel Zeit verloren und die Weiterfahrt war längst überfällig. „Alle Passagiere bitte einsteigen“, rief der Kutscher, „wir fahren jetzt los!“ So   ging   es   also   eine   Weile   dahin,   vorbei   an   Feldern   und   Wiesen   und   Hainen   und   hier   und   da   schmückte   das   eine   oder   andere geheimnisvolle Bauwerk die Landschaft dessen rätselhafter Zweck dem Betrachter zumeist verborgen blieb. „Seht,   meine   Damen“,   sagte   der   Graf   und   zeigte   zum   Fenster   hinaus,   „welch   imposanter   Torbogen   mit   den   beiden   Türmen   links und rechts.“ Alle, auch Puppe und Hase lehnten sich aus dem Fenster. „Überwältigend“, meinte Susanne. „Ein Meisterwerk der Baukunst. So vollendet als habe es sich selbst erschaffen“, schwärmte der Graf. „Sie sind ja ein wahrer Kunstästhet“, schmeichelte Monika   anerkennend. „Nicht  alle  gleichzeitig  aus  dem  Fenster  strecken“,  rief  der  Kutscher  hastig  seinen  Passagieren  zu,  „wir  bekommen Schlagseite!“ Und in der Tat drohte die Kutsche beinahe umzukippen. Schnell huschten alle in die Kabine zurück.
„Wisst   ihr   was“,   sagte   Susanne,   „wir   kommen   ja   vom   Jahrmarkt   und   reisen   zum   Schlossball.   Wieso   soll   die   Fahrt   dort   hin   nicht auch gleich ein Fest werden.“ „Und der Fußbereich ist die Tanzfläche“, lächelte der Graf höflich erquickt. Susanne   wühlte   in   ihrer   Handtasche   und   zog   einen   kleinen   Papierhut   hervor   den   sie   dem   Hasen   aufsetzte   und   steckte   ihm   dann eine Spielzeugtrompete in den Mund. „Sieht unser Hase nicht herzig aus“, meinte sie. Alle   waren   über   diesen   Anblick   verzückt   und   Monika   pustete   dem   Grafen   mit   einer   Faschingströte   ins   Gesicht.   Auf   einmal   hatte Susanne einen absoluten Geistesblitz. „Wir spielen Verstecken!“ Rief sie. Diese Idee war grandios! Monika wollte die Erste sein. „Bitte alle die Augen zuhalten“, sagte sie und alle hielten ihre Hände vors Gesicht. Als   sie   die   Hände   wieder   wegnahmen   war   Monika   tatsächlich   verschwunden.   Erst   sahen   sie   unter   den   beiden   Sitzbänken   nach, aber da war sie schon mal nicht. Dann riefen sie zum Kutscher hinaus: „Hast du Monika gesehen?“ Aber   dafür   hatte   der   jetzt   gerade   keine   Nerven.   Schließlich   bemerkte   der   Graf   den   aufgespannten   Rüschenschirm   auf   der Sitzbank und dahinter hockte tatsächlich Monika. „Meine Liebe“, frohlockte der Graf, „haben sie uns vielleicht einen Schrecken eingejagt.“
Susanne   und   Monika   warfen   Konfetti   aus   der   Kutsche   und   pusteten   in   ihre   Faschingströten.   Dabei   lachten   sie   sich   halb   kaputt. Schließlich stimmten sie Scherzlieder an und ihr Gegröle hallte übers ganze Land. Als sich die Kutsche der nächsten Poststation näherte lief ihnen aufgeregt der Stationsvorsteher entgegen. „Kutscher! Zwerg!“ Schrie er lauthals und winkte wie verrückt mit den Armen. Alle   fragten   sich   natürlich   was   das   nun   schon   wieder   zu   bedeuten   hatte.   Der   Kutscher   zügelte   sein   Gespann   und   stellte   die Kutsche an der Station ab wo der Vorsteher nach Atem rang. „Kutscher,   Zwerg“,   rief   dieser   und   schnappte   dabei   verzweifelt   nach   Luft,   „es   geht   um   den   verarmten   Grafen!   Reist   er   mit   euch? Meine Rede ist von Graf August von Bienensaus!“ „Er ist im Wagen“, sagte der Kutscher, „wenn dir das weiterhilft.“ Die Cousinen sahen den Grafen an. „Verarmter Graf? Haben wir da richtig gehört“, meinte Susanne wenig gefällig. „Also sind sie gar kein echter Graf“, tadelte Monika. „Oh   doch,   ich   bin   ein   echter   Graf“,   berichtigte   der   Adlige,   „allerdings   besitze   ich   nicht   das   geringste   Vermögen.   Ist   mir   das   jetzt vielleicht peinlich.“ Die Cousinen ergötzten sich an der Scham des Grafen. „Draußen erwartet sie bereits die Öffentlichkeit. Dort können sie sich dann vor allen Leuten blamieren“, spottete Susanne. Der Graf klemmte sich regelrecht in der Kutsche fest. Freiwillig würde er garantiert nicht aussteigen.
So   lange   war   er   nun   schon   durchs   Land   gereist,   von   einem   Hof   zum   anderen   ohne   dabei   selbst   ein   eigenes   Zuhause   zu   haben und   er   hatte   es   dennoch   die   ganze   Zeit   geschafft   sein   Ansehen   in   der   Gesellschaft   der   Aristokratie   zu   bewahren.   Bis   zum heutigen    Tag    also,    und    jetzt,    mit    einem    Schlag    fiel    sein    filigranes    Adligen-Image    einfach    in    sich    zusammen,    er    war    dem Nervenzusammenbruch nah… Bis auf den Grafen hatten mittlerweile alle die Kutsche verlassen. „Herr Graf, Herr Graf“, redete der Stationsvorsteher in die   Fahrgastkabine  hinein,  „es  geht  um ein  wichtiges  Dokument. Wir  versuchen  schon   die ganze Zeit es ihnen zuzustellen,  aber sie sind ja immer wo anders.  Dieses  Schreiben  ist mittlerweile schon kreuz und quer durchs ganze Land gereist.“ Der Graf gab keinen Mucks von sich. „In diesem bedeutenden Schreiben werden ihnen Ländereien zugesprochen,  so  hören  sie  doch“,  erklärte  der  Mann,  „es ist wichtig!“ Auf   einmal   traute   sich   der   Graf   nun   doch   aus   seinem   Versteck   heraus.   Der   Postangestellte   hielt   dem   Adligen   sogleich   die Urkunde unter die Nase. „Sehen   sie“,   erklärte   er   hastig,   „sie   haben   Anspruch   auf   die   hier   niedergeschriebenen   Besitztümer.   Aber   es   bleibt   ihnen   nur   noch ein Tag um alles geltend zu machen. Daher meine Eile.“ „Ihre Eile war berechtigt“, stimmte der Graf zu und sah sich den Brief genauer an. „Verstehe, ich muss mit diesem Dokument persönlich beim Amt erscheinen, so, so…“ murmelte der Edelmann. Allerdings lag das zuständige Amt in der entgegengesetzten Richtung zum Schloss wo ja die anderen eigentlich alle hinwollten.
„Liebe Cousinen, liebe Puppe und lieber Hase“, begann der Graf, „was haltet ihr von einer Änderung unseres Reiseziels?“ „Und wir dürfen dafür auf den Schlossball verzichten wo wir eigentlich selbst was vor haben“, argumentierte Monika. „Nun meine Damen“, versicherte der Graf, „ich werde sie selbstverständlich großzügig entschädigen.“ „Diese Entschädigung muss schon außergewöhnlich groß ausfallen“, sagte Susanne trotzig. „Unser Reiseziel… wie redet der, unerhört“, meinte Monika. „Meine Damen, ich bitte sie, so hören sie doch“, flehte der Graf, „ich bitte sie natürlich vielmals um Entschuldigung…“ „Nun“, überlegte Susanne, „wenn sie öffentlich und vor ganz vielen Leuten eine umfangreiche Entschuldigungsrede halten…“ „Selbstverständlich, meine Damen“, versprach der Graf, „gewiss doch!“ „Gut“,   meinte   Monika,   „wir   stellen   ihnen   unsere   Kutsche   für   die   Erledigung   ihrer   Angelegenheit   zur   Verfügung   und   warten   so lange an dieser Poststation bis sie zurückkommen. Hoffentlich erreichen wir trotzdem noch rechtzeitig den Ball.“ „Dort   halte   ich   dann   auch   die   Entschuldigungsrede   an   sie“,   versicherte   der   Graf,   „und   nochmals   ganz   vielen   lieben   Dank   meine Damen!“ Die   Kutsche   wendete   also   und   fuhr   in   schnellem   Trab   mit   dem   Grafen   davon   und   ließ   Puppe,   Hase   und   die   Cousinen   Susanne und   Monika   an   der   Poststation   zurück.   Später     fragte     Susanne     den     Stationsvorsteher     wie     weit     die     nächste   größere   Ortschaft zu Fuß weg sei denn sie hatte da so eine Idee.
Sie würden dort nämlich auf die Kutsche warten und brachen sogleich zu dem zweistündigen Fußmarsch auf. Als sie das kleine  Städtchen endlich erreicht hatten unterbreitete Susanne ihren Begleitern in vollem Umfang ihr Vorhaben. „Hier werden wir unsere Reisekasse aufbessern“, erklärte sie, „den wir haben keinen einzigen Groschen mehr.“ „Und wie stellst du dir das vor“, fragte Monika. „Ganz   einfach“,   sagte   Susanne,   „wir   werden   auch   einen   Jahrmarkt   veranstalten.   Aber   diesmal   geben   wir   kein   Geld   aus,   sondern wir nehmen welches ein.“ Alles    war    aufs    genaueste    durchdacht.    Das    eigentliche    Event    wäre    dann    am    Spielplatz    wo    Hase,    von    Susanne    instruiert, Kunststücke   vorführen   würde.   Er   wäre   sozusagen   die   Hauptattraktion   der   Show   zu   der   man   jetzt   nur   noch   viele   Leute   anlocken musste.   Dazu   klapperten   Susanne   und   Monika   alle   Hotels   und   Gasthäuser   ab   wo   sie   das   Ereignis   für   den   heutigen   Nachmittag ankündigten. Und tatsächlich fanden sich mehrere Besucher am Spielplatz ein um die Show zu sehen. Großartig, dachten sich Susanne und  Monika, und das schon beim ersten Event. Monika   begrüßte   die   Gäste:   „Herzlich   Willkommen!   Sie   werden   heute   Dinge   zu   sehen   bekomme   von   den   sie   nicht   einmal gewusst haben das es sie überhaupt gibt. Applaus!“ Dann trat Susanne vor die Leute. „Wenn   ihnen   die   Show   heute   gefällt   bitten   wir   sie   um   eine   bescheidene   Spende.   Für   diesen   Zweck   haben   wir   eine   Blechdose   dort drüben hingestellt“, erklärte sie dem Publikum.
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„Einst   verließ   eine   Familie   aus   dem   Osten   ihre   Heimat.   Sie hatten     nämlich     beschlossen     die     Pixi     Mountains     zu durchqueren   um   auf   der   anderen   Seite,   also   im   Westen   ein neues Leben zu beginnen…“ „Das  war  jetzt  aber  sehr dramatisch“, kommentierte  Susanne ihre Gefühle. „Lass   den   Kutscher   doch   weitererzählen,  liebes  Cousinchen“,  sagte  Monika  und   nickte   dem   Kutscher gebieterisch zu. „Ihr   müsst   wissen   das   es   sich   bei   den   Pixi   Mountains   um ein   unbeschreiblich   großes   Gebirgsmassiv   handelt.   Seine Durchquerung   nimmt   Wochen,   wenn   nicht   gar   Monate   in Anspruch,   und   das   auch   nur   bei   allerbester   Vorbereitung und    erstklassigster    Ausrüstung.    Jederzeit    muss    mit    den absurdesten     Wetterumbrüchen     gerechnet     werden.     Der klarste   Himmel   kann   sich   an   diesem   verwunschenen   Ort von   einem   Moment   auf   den   anderen   in   ein   Ereignis   aus Gewitterwolken   verwandeln   aus   denen   Blitz   und   Donner mit Saus und Gebraus auf die Erde herniederprasseln…“ „Sehr spannend“, spottete Susanne gespielt gelangweilt. „Was kann man in so einem Fall tun?“ Fragte der Graf konzentriert. „Gewiss   nicht   viel“,   sagte   der   Kutscher,   „es   gibt   nur   ganz wenige,   in   Legenden   besungene   Heldengestalten   die   dort überhaupt   etwas   tun   können.   Aber   zurück   zu   der   Familie aus   dem   Osten.   Diese   Leute   nahmen   exakt   all   das   auf   sich was     ja     schon     mal     sehr     erstaunlich     ist     aber     genau genommen      geht      es      in      dieser      Geschichte      um      ein siebzehnjähriges    Mädchen.    Ihr    Name    war,    glaube    ich, Goldhaar.“ „Jetzt wird es wirklich spannend“, steigerte sich der Graf hinein. „Wieso Goldhaar“, bohrte Susanne nach. „Seid jetzt sofort ruhig“, fauchte Monika, „weitererzählen, Kutscher!“
„Also   hört   jetzt   zu“,   berichtete   der   Kutscher   weiter,   „einen Siedlertrek    muss    man    sich    anders    vorstellen    als    eine Postkutschenfahrt.   Die   machen   nicht   kurz   Pause,   fahren dann   ein   bisschen   weiter   und   machen   dann   gleich   wieder Pause,   sondern   die   fahren   ganz   weite   Strecken   auf   einmal und   campieren   dann   oft   für   mehrere   Tage.   Die   Familie   um die   es   hier   geht   schlug   also   ihr   Lager   auf   und   die   Eltern schickten    ihre    Tochter    Goldhaar    los    um    Feuerholz    zu suchen.   Goldhaar   machte   sich   natürlich   sogleich   auf   den Weg   um   ihre   Mission   zu   erfüllen.   Man   könnte   jetzt   meinen das   einem   in   der   Wildnis   das   Feuerholz   nur   so   vor   die   Füße springt   und   diese   Arbeit   schnell   erledigt   sei,   aber   ganz   so einfach   ist   es   nicht.   Entweder   ist   das   Holz   zu   feucht   oder   zu groß   oder   man   findet   nur   winzige,   dürre   Zweige   und   so begab    sich    Goldhaar    immer    tiefer    in    das    menschenleere Land.“ „Kann man sich da nicht verlaufen? Was würde in so  einem Fall geschehen?“ Fragte der Graf fachmännisch. „Verlaufen   kann   man   sich   in   der   Wildnis   nicht   weil   man sich      ständig      markante      Bezugspunkte      einprägt,      aber trotzdem,     wer     will     sich     schon     Löcher     in     die     Sohlen latschen“, erläuterte der Kutscher und erzählte weiter. „Das   Mädchen   lief   also   durch   ein   kleines   Kiefernwäldchen, dann   weiter   über   eine   karg   bewachsene,   steinige   Ebene   die in   Buschwerk   überging   um   sich   schließlich   durch   dichte, hochgewachsene    Sträucher    hindurchzukämpfen    und    das alles   nur   für   ein   kleines   Bündel   Feuerholz.   So   ging   es   an guten   Tagen   dahin.   Und   jetzt   denkt   euch   einen   Blizzard dazu    oder    einen    schaurigen    Wolkenbruch,    also    ich    bin heilfroh    das    man    hier    bei    uns    von    solchen    Unwettern verschont bleibt.“ „Hat es die Familie über die Pixi Mountains geschafft“,  fragte Puppe neugierig. „Ja,  das  haben  sie“,  sagte der Kutscher, „sie erreichten das  Land  von  dem  sie  so  viel  in  ihrer  Heimat  gehört hatten.“ „Und was wurde aus Goldhaar“, fragte der Graf.
„Die Geschichte ist jetzt zu Ende“, sagte der Kutscher. „So  geht  das  aber  nicht“, protestierte Monika, „wir  wollen sofort wissen was aus Goldhaar geworden ist!“ „Gut,   ich   erzähle   weiter“,   sagte   der   Kutscher,   „aber   auf   eure Verantwortung.     Goldhaar     war     also     in     diesem     Land, welches      so      viele      Möglichkeiten      zu      bieten      hatte, angekommen   und   sie   konnte   es   gar   nicht   erwarten   all   ihre Träume     zu     verwirklichen.     Sie     wollte     eine     Tanzschule eröffnen   und   eine   Schneiderei   für   modische   Kleider   und eine   Kunstgalerie.   Außerdem   hatte   sie   die   Idee   zu   einem philosophischen    Netzwerk    wo    Menschen    ihre    Ideen    und Visionen verbreiten konnten.“ „Da  wäre  ich  gerne dabei gewesen“, verlor sich  der Graf in Begeisterung. „Leider kam aber alles anders“,  sprach  der  Kutscher  weiter,  „denn  Goldhaar  konnte keine einzige ihrer Ideen verwirklichen.“ So   hatte   sich   das   nun   aber   keiner   vorgestellt.   Alle   forderten irgendwie   ein   Happy   End   ohne   das   direkt   zu   sagen   aber der    Kutscher    sollte    zunächst    weiterberichten,    vielleicht kam ja alles noch ins Lot… „Es   gibt   Menschen   die   haben   immer   Pech“,   erzählte   der Kutscher,   „so   war   es   auch   bei   Goldhaar.   Statt   sich   etwas aufbauen    zu    können    wurde    sie    stattdessen    von    vielen Schicksalsschlägen    heimgesucht    die    selbst    der    stärkste Mensch   nicht   bewältigen   kann.   Ein   gewöhnlicher   Mensch wäre     nicht     einmal     in     der     Lage     die     mentale     Kraft aufzubringen       um       von       solch       niederschmetternden Ereignissen    zu    berichten    ohne    selbst    dabei    seelischen Schaden   zu   nehmen.   Statt   ihre   Träume   zu   verwirklichen verlor   Goldhaar   ihr   komplettes   Hab   und   Gut   und   besaß   am Ende   keinen   einzigen   Groschen   mehr   um   fortan   ihr   Leben in   bitterer   Armut   zu   fristen,   was   natürlich   alles   andere   als der ursprüngliche Plan gewesen war…“ „Aber dann war der ganze mühevolle Weg über die Pixi  Mountains umsonst“, sagte Puppe erschüttert.
„Das   dachten   alle“,   sagte   der   Kutscher,   „aber   es   wusste   ja auch    keiner    was    Goldhaar    damals    als    siebzehnjähriges Mädchen in den Pixi Mountains wirklich erlebt hatte.“ Alle lauschten jetzt gebannt und unter Hochspannung um kein Detail der weiteren Erzählung zu verpassen. „Goldhaar   wurde   ja   damals   zum   Holzsuchen   losgeschickt und   gelangte   dabei   in   dieses   von   Sträuchern   zugewucherte Gebiet.   Vielleicht   war   es   ja   Neugierde   oder   Jugendlicher Übermut   aber   sie   ging   immer   weiter   in   das   dichte   Geäst und      musste      dabei      mit      einiger      Gewalt      die      Zweige wegdrücken    um    vorwärts    zu    kommen.    Aber    irgendwann hatte    sie    den    Wildwuchs    durchdrungen    und    sie    konnte nicht   glauben,   oder   ich   würde   fast   sagen   begreifen,   was   sie dann   sah.   Vor   ihr   erstreckte   sich   ein   See   dessen   Wasser   so klar    schimmerte    als    würde    es    sich    seid    Anbeginn    aller Zeiten   an   diesem   Ort   befinden.   Am   Horizont   erhoben   sich gewaltige   Berge   dessen   schneebedeckte   Gipfel   sich   mit   dem Blau   des   Himmels   vereinten   und   von   oben   herab   sandte die   Sonne   ihr   hellstes   Licht   welches   die   Landschaft   in   ein atemberaubendes   Farbenmeer   verwandelte.   Dann   zog   sich Goldhaar   ganz   nackt   aus   und   schritt   langsam   auf   das   flache Kiesufer   zu.   Ihre   Füße   berührten   das   eiskalte   Nass   und   sie spürte   wie   eine   magische   Kraft   ihren   Körper   durchflutete. Sie   gleitete   bäuchlings   ins   Wasser,   tauchte   unter   und   als   sie wieder   an   die   Oberfläche   kam   umgab   sie   ein   Zauber   aus Farb-   und   Lichtspiel   und   im   nächsten   Augenblick,   so   als wäre    nichts    geschehen,    war    alles    nichts    weiter    als    ein türkisfarbener   See   in   einer   lieblichen   Landschaft.   Dann   zog sich   Goldhaar   wieder   an   und   ging   zu   ihrem   Lager   zurück wo   sie   so   tat   als   wäre   nichts   geschehen.   Aber   glaubt   mir   das eine“,    sagte    der    Kutscher,    „gegen    nichts    im    Universum hätte    Goldhaar    eingetauscht    was    sie    damals    in    den    Pixi Mountains erlebt hatte.“ Es vergingen einige Sekunden besinnlichen Schweigens. „Und wo ist dieser See“,  fragte  Susanne  und  tat  so  als würde sie das nur beiläufig interessieren. „Das möchte ich jetzt aber auch gerne erfahren“, sagte der Graf.
„In den Pixi Mountains“, antwortete der Kutscher. „Was  soll  das  jetzt  wieder“,  sagte  Monika schroff, „wir brauchen eine ganz präzise Wegbeschreibung.“ „Hört   mal“,   sagte   der   Kutscher,   „ich   selbst   kenne   nur   die Postwege.      Aber      diesbezüglich      kann      ich      euch      jede Information   erteilen.   Es   gibt   halt   nur   keinen   Weg   der   zu diesem See führt. Tut mir wirklich leid.“ Dann stiegen der Kutscher und der Zwerg wieder auf den Wagen.  Sie  hatten  viel Zeit verloren und die Weiterfahrt war längst überfällig. „Alle Passagiere bitte einsteigen“, rief der Kutscher, „wir fahren jetzt los!“ So   ging   es   also   eine   Weile   dahin,   vorbei   an   Feldern   und Wiesen   und   Hainen   und   hier   und   da   schmückte   das   eine oder     andere     geheimnisvolle     Bauwerk     die     Landschaft dessen      rätselhafter      Zweck      dem      Betrachter      zumeist verborgen blieb. „Seht,    meine    Damen“,    sagte    der    Graf    und    zeigte    zum Fenster    hinaus,    „welch    imposanter    Torbogen    mit    den beiden Türmen links und rechts.“ Alle, auch Puppe und Hase lehnten sich aus dem Fenster. „Überwältigend“, meinte Susanne. „Ein Meisterwerk der Baukunst. So vollendet als habe es  sich selbst erschaffen“, schwärmte der Graf. „Sie sind ja ein wahrer Kunstästhet“,  schmeichelte  Monika anerkennend. „Nicht alle gleichzeitig aus dem Fenster strecken“, rief  der Kutscher hastig seinen Passagieren zu, „wir bekommen Schlagseite!“ Und  in  der  Tat  drohte  die  Kutsche  beinahe  umzukippen. Schnell huschten alle in die Kabine zurück.
„Wisst    ihr    was“,    sagte    Susanne,    „wir    kommen    ja    vom Jahrmarkt    und    reisen    zum    Schlossball.    Wieso    soll    die Fahrt dort hin nicht auch gleich ein Fest werden.“ „Und der Fußbereich ist die Tanzfläche“, lächelte der  Graf höflich erquickt. Susanne   wühlte   in   ihrer   Handtasche   und   zog   einen   kleinen Papierhut   hervor   den   sie   dem   Hasen   aufsetzte   und   steckte ihm dann eine Spielzeugtrompete in den Mund. „Sieht unser Hase nicht herzig aus“, meinte sie. Alle    waren    über    diesen    Anblick    verzückt    und    Monika pustete   dem   Grafen   mit   einer   Faschingströte   ins   Gesicht. Auf einmal hatte Susanne einen absoluten Geistesblitz. „Wir spielen Verstecken!“ Rief sie. Diese Idee war grandios! Monika wollte die Erste sein. „Bitte alle die Augen zuhalten“, sagte sie und alle hielten ihre Hände vors Gesicht. Als     sie     die     Hände     wieder     wegnahmen     war     Monika tatsächlich   verschwunden.   Erst   sahen   sie   unter   den   beiden Sitzbänken nach, aber da war sie schon mal nicht. Dann  riefen  sie  zum  Kutscher  hinaus:  „Hast  du Monika gesehen?“ Aber   dafür   hatte   der   jetzt   gerade   keine   Nerven.   Schließlich bemerkte   der   Graf   den   aufgespannten   Rüschenschirm   auf der Sitzbank und dahinter hockte tatsächlich Monika. „Meine  Liebe“,  frohlockte der Graf,  „haben  sie  uns  vielleicht einen Schrecken eingejagt.“
Susanne   und   Monika   warfen   Konfetti   aus   der   Kutsche   und pusteten    in    ihre    Faschingströten.    Dabei    lachten    sie    sich halb   kaputt.   Schließlich   stimmten   sie   Scherzlieder   an   und ihr Gegröle hallte übers ganze Land. Als sich die Kutsche der nächsten Poststation näherte  lief ihnen aufgeregt der Stationsvorsteher entgegen. „Kutscher!  Zwerg!“  Schrie  er  lauthals  und  winkte  wie verrückt mit den Armen. Alle   fragten   sich   natürlich   was   das   nun   schon   wieder   zu bedeuten    hatte.    Der    Kutscher    zügelte    sein    Gespann    und stellte   die   Kutsche   an   der   Station   ab   wo   der   Vorsteher   nach Atem rang. „Kutscher,     Zwerg“,     rief     dieser     und     schnappte     dabei verzweifelt   nach   Luft,   „es   geht   um   den   verarmten   Grafen! Reist   er   mit   euch?   Meine   Rede   ist   von   Graf   August   von Bienensaus!“ „Er ist im Wagen“, sagte der Kutscher, „wenn dir das weiterhilft.“ Die Cousinen sahen den Grafen an. „Verarmter  Graf?  Haben  wir  da  richtig  gehört“,  meinte Susanne wenig gefällig. „Also sind sie gar kein echter Graf“, tadelte Monika. „Oh   doch,   ich   bin   ein   echter   Graf“,   berichtigte   der   Adlige, „allerdings   besitze   ich   nicht   das   geringste   Vermögen.   Ist mir das jetzt vielleicht peinlich.“ Die Cousinen ergötzten sich an der Scham des Grafen. „Draußen   erwartet   sie   bereits  die  Öffentlichkeit.  Dort können sie sich dann vor allen Leuten blamieren“, spottete Susanne. Der  Graf  klemmte  sich  regelrecht  in  der  Kutsche  fest. Freiwillig würde er garantiert nicht aussteigen.
So   lange   war   er   nun   schon   durchs   Land   gereist,   von   einem Hof   zum   anderen   ohne   dabei   selbst   ein   eigenes   Zuhause   zu haben   und   er   hatte   es   dennoch   die   ganze   Zeit   geschafft   sein Ansehen   in   der   Gesellschaft   der   Aristokratie   zu   bewahren. Bis   zum   heutigen   Tag   also,   und   jetzt,   mit   einem   Schlag   fiel sein   filigranes   Adligen-Image   einfach   in   sich   zusammen,   er war dem Nervenzusammenbruch nah… Bis  auf  den  Grafen  hatten  mittlerweile  alle  die  Kutsche verlassen. „Herr  Graf, Herr  Graf“,  redete    der    Stations- vorsteher in die   Fahrgastkabine hinein, „es geht um  ein   wichtiges Dokument. Wir versuchen schon die ganze Zeit es ihnen zuzustellen, aber sie sind ja immer wo anders. Dieses Schreiben ist mittlerweile schon kreuz und quer durchs ganze Land gereist.“ Der Graf gab keinen Mucks von sich. „In diesem bedeutenden Schreiben werden ihnen  Ländereien zugesprochen, so hören sie doch“, erklärte der Mann, „es ist wichtig!“ Auf    einmal    traute    sich    der    Graf    nun    doch    aus    seinem Versteck    heraus.    Der    Postangestellte    hielt    dem    Adligen sogleich die Urkunde unter die Nase. „Sehen   sie“,   erklärte   er   hastig,   „sie   haben   Anspruch   auf   die hier   niedergeschriebenen   Besitztümer.   Aber   es   bleibt   ihnen nur   noch   ein   Tag   um   alles   geltend   zu   machen.   Daher   meine Eile.“ „Ihre Eile war berechtigt“,  stimmte  der  Graf  zu  und  sah sich den Brief genauer an. „Verstehe, ich muss mit diesem Dokument persönlich  beim Amt erscheinen, so, so…“ murmelte der Edelmann. Allerdings    lag    das    zuständige    Amt    in    der  entgegengesetzten Richtung zum Schloss wo ja die anderen eigentlich alle hinwollten.
„Liebe Cousinen, liebe Puppe und lieber Hase“, begann der Graf,    „was    haltet    ihr    von    einer   Änderung   unseres Reiseziels?“ „Und  wir  dürfen  dafür  auf  den  Schlossball  verzichten wo  wir   eigentlich   selbst   was  vor  haben“, argumentierte Monika. „Nun meine Damen“, versicherte der Graf, „ich  werde sie selbstverständlich großzügig entschädigen.“ „Diese Entschädigung muss schon außergewöhnlich groß  ausfallen“, sagte Susanne trotzig. „Unser   Reiseziel…   wie   redet   der,   unerhört“,   meinte Monika. „Meine Damen, ich bitte sie, so hören sie doch“, flehte der   Graf,   „ich   bitte   sie   natürlich   vielmals   um Entschuldigung…“ „Nun“, überlegte Susanne, „wenn sie öffentlich und vor  ganz      vielen      Leuten      eine      umfangreiche Entschuldigungsrede halten…“ „Selbstverständlich, meine Damen“, versprach der  Graf, „gewiss doch!“ „Gut“,   meinte   Monika,   „wir   stellen   ihnen   unsere   Kutsche für   die   Erledigung   ihrer   Angelegenheit   zur   Verfügung   und warten       so       lange       an       dieser       Poststation       bis       sie zurückkommen.   Hoffentlich   erreichen   wir   trotzdem   noch rechtzeitig den Ball.“ „Dort   halte   ich   dann   auch   die   Entschuldigungsrede   an   sie“, versicherte    der    Graf,    „und    nochmals    ganz    vielen    lieben Dank meine Damen!“ Die   Kutsche   wendete   also   und   fuhr   in   schnellem   Trab   mit dem   Grafen   davon   und   ließ   Puppe,   Hase   und   die   Cousinen Susanne und Monika   an der Poststation zurück. Später  fragte  Susanne den Stationsvorsteher wie weit  die  nächste  größere  Ortschaft  zu  Fuß  weg  sei  denn sie hatte da so eine Idee.
Sie  würden  dort  nämlich  auf   die  Kutsche   warten  und brachen  sogleich  zu  dem  zweistündigen  Fußmarsch  auf. Als sie das  kleine  Städtchen endlich erreicht hatten  unterbreitete Susanne ihren Begleitern in vollem Umfang ihr Vorhaben. „Hier   werden   wir   unsere   Reisekasse   aufbessern“,  erklärte  sie,  „den wir haben keinen einzigen Groschen mehr.“ „Und wie stellst du dir das vor“, fragte Monika. „Ganz    einfach“,    sagte    Susanne,    „wir    werden    auch    einen Jahrmarkt   veranstalten.   Aber   diesmal   geben   wir   kein   Geld aus, sondern wir nehmen welches ein.“ Alles   war   aufs   genaueste   durchdacht.   Das   eigentliche   Event wäre   dann   am   Spielplatz   wo   Hase,   von   Susanne   instruiert, Kunststücke    vorführen    würde.    Er    wäre    sozusagen    die Hauptattraktion   der   Show   zu   der   man   jetzt   nur   noch   viele Leute    anlocken    musste.    Dazu    klapperten    Susanne    und Monika   alle   Hotels   und   Gasthäuser   ab   wo   sie   das   Ereignis für den heutigen Nachmittag ankündigten. Und   tatsächlich   fanden   sich   mehrere   Besucher   am Spielplatz ein um die Show zu sehen. Großartig,  dachten sich Susanne und Monika,  und das  schon beim ersten Event. Monika    begrüßte    die    Gäste:    „Herzlich    Willkommen!    Sie werden   heute   Dinge   zu   sehen   bekomme   von   den   sie   nicht einmal gewusst haben das es sie überhaupt gibt. Applaus!“ Dann trat Susanne vor die Leute. „Wenn   ihnen   die   Show   heute   gefällt   bitten   wir   sie   um   eine bescheidene    Spende.    Für    diesen    Zweck    haben    wir    eine Blechdose     dort     drüben     hingestellt“,     erklärte     sie     dem Publikum.
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